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Ethik und Journalismus | 08.11.2009 23:35 Uhr

Wenig Aufklärung - Journalisten ohne Haltung und Ahnung

Keine Ahnung, keine Leidenschaft, keine Haltung. Der Bundespräsident hat den Journalisten anlässlich des 60. Jubiläums der Bundespressekonferenz ein wirklich mieses Zeugnis ausgestellt. Sachverstand würde häufig nur vorgetäuscht. Das ist eine harte Kritik, zu Recht? Warum ist es für Journalisten heute so schwierig, ihren Beruf mit Rückgrat und Charakter auszuüben?

Die Politik diktiert und die Berliner Journalisten müssen herausfinden, was es bedeutet. Für ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer, für die Wirklichkeit außerhalb des elitären Politik-Betriebs.  Sachverhalte und Stichwörter wie "die Kalte Progression", "der sogenannte Mittelstandsbauch" oder "eine internationale Finanzmarktsteuer" sind unverständlich, nebulös und lebensfremd. Immer wieder scheitern selbst die Politikjournalisten daran, diese Sprache zu erklären. Bundespräsident Köhler stellt bei seiner Rede fest: "Und seien wir ehrlich: Die Qualität des politischen Diskurses in Deutschland lässt bisweilen Raum für Verbesserung."

 Medien verkürzen, banalisieren

Aus der Abwrackprämie wird das Wundermittel gegen die Krise. Aus dem Konjunkturpaket ein gigantisches Verkehrshindernis. Populäre Fragen werden aufgebauscht, Alltägliches dramatisiert - etwa in pseudo-journalistischen Sendungen wie "Kerner" auf Sat1. In der Sendung vom 2. November 2009 erklärt Johannes B. Kerner: "Haben Sie auch das Gefühl, dass die Verkehrsdurchsagen immer länger werden? Das Gefühl trügt nicht. Und Grund ist ausgerechnet die Wirtschaftskrise, die Konjunkturpakete." Darauf berichtet ein Lkw-Fahrer: "Die Angst, ist da jetzt irgendwo Stau, ist da kein Stau?" Und eine Pkw-Fahrerin: "Der Stau, der schafft mich langsam, echt."

Das ist viel Gerede, wenig Gehalt und nur scheinbar kritischer Journalismus. Auch in anderen Redaktionen mimen Journalisten die großen Aufklärer und stellen abstruse Fragen wie in dem RTL-Beitrag "Flugsicherheit: Wie schmuggelt man Schusswaffen an Bord eines Flugzeuges? Und wie entführt man als falsche Crew eine ganze Maschine?" Absurder Klamauk wie dieser beschädigt den  Ruf.

Haltung haben - unter Zeitdruck?

Denn auch die Berliner Journalisten werden dafür in Haftung genommen. So erklärt Horst Köhler in seiner Rede: "Haltung haben. Das ist ein ziemlich altes Wort. Aber ich finde, es könnte mal wieder in Mode kommen. Genau wie ein anderes, viel schlichteres Wort: Ahnung haben. Zusammen sind sie stark, meine ich." Michael Weidemann, Redakteur ARD-Hauptstadtstudio, meint dazu: "Ich denke mal, dass er vor allen Dingen Rückgrat gemeint hat. Rückgrat, was man ja braucht, um Haltung zu bewahren." Dieter Wonka von der Leipziger Volkszeitung interpretiert es als "Seriosität, nicht parteilich sein. Informiert sein. Und vor niemandem ducken". Für Rüdiger Becker, Redakteur ARD-Hauptstadtstudio, ist Haltung "zum Beispiel nicht, halt ein Mikrofron irgendjemandem hinzuhalten und einfach abzuwarten, was der sagt".

Genau das aber müssen Journalisten Tag für Tag tun: Statements einsammeln, Termine abreißen, Häppchen verbreiten. Tissy Bruns, Chefkorrespondentin "Der Tagesspiegel", macht deutlich: "Für den allerwichtigsten Grund halte ich tatsächlich, dass wir unter einem unglaublichen Zeitdruck, Zeitzwang und Zwängen arbeiten. Und mir kommt es oft so vor, als ob dieses Tempo uns die Gelegenheit zum Nachdenken, zum richtigen Entscheiden, zum richtigen Sortieren geradezu entreißt. Und es ist ein Tempo, dem sich keiner willkürlich entziehen kann."

Aufreger rangieren vor Aufklärung

Auch der Schweinegrippe kann sich kein Journalist entziehen. Seit Monaten beherrscht sie die Schlagzeilen, seit Monaten dieselben Frage: Impfen, ja oder nein? Nicht einmal Wissenschaftler wagen eindeutige Antworten. Journalisten aber geben sie, etwa beim Schweinegrippe RTL-Selbsttest in der Sendung "Punkt 12" vom 27. Oktober 2009. Hier erklärt Katja Burkhard, "meine Kollegin Britta Hasselmann hat sich ja gestern live in unserer Sendung impfen lassen. Britta, jetzt sind 24 Stunden vergangen. Wie geht es ihnen denn?". Worauf Britta Hasselmann antwortet: "Ich muss schon sagen, dass mir der Oberarm ein bisschen weh tut. Man kann zwar die Einstichstelle, wo mir die Impfung gespritzt wurde, kaum noch erkennen. Allerdings ist der Muskel offenbar ein bisschen angegriffen. Heute Nacht, als ich auf der linken Seite liegen wollte, tat das unglaublich weh." Für Heribert Prantl, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, ist das "eigentlich ein alberner Journalismus und einer, zu dem kein Können gehört, und einer, der sich - auch eine Krankheit des modernen Journalismus - der sich ziemlich wichtig nimmt. Mich als Person, wie geht’s mir."

Auch Bild nimmt sich wichtig: Einen Tag vor der Bundestagswahl verraten 100 Redakteure, wen sie wählen. Ein buntes Fotoalbum, verkauft als Politikberichterstattung. Tissy Bruns meint: "Schlicht kann man sagen: Aufreger rangieren vor Aufklärung. Und das ist natürlich ein Problem für einen Beruf, der ja den Bürgern deutlich, klar sagen soll, wie die Sache läuft, wer welche Interessen hat und warum, was wie geschieht."

Viel haben die Wähler über den Aufreger des Sommers erfahren: Über Ulla Schmidt, die mit ihrem Dienstwagen im Urlaub in Spanien unterwegs war. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung erklärt: "Im Kern geht es um die Politik, die die Frau machte. Und die muss beurteilt werden. Da ist das Dienstauto wirklich nur, wenn ich jetzt ein Puzzle mit 5.000 Teilen hätte, ein einziges, ein 5.000stel, das ich zur Beurteilung brauche." Doch Politik ist mühsam. Die Journalisten berichten lieber von der "Touristin Schmidt" wie die Financial Times Deutschland am 30. Juli 2009 oder vom "Ende einer Urlaubsfahrt" wie die Berliner Zeitung am 28. Juli und von "gestohlener Glaubwürdigkeit" wie das Handelsblatt am 28. Juli. So erfahren die Bürger zwar viel über den Verbleib ihrer Steuergelder, aber wenig über Gesundheitspolitik. Und schon gar nicht erfahren sie, wie sich das auf ihren Alltag auswirkt.

Ahnung haben

Tissy Bruns vom "Der Tagesspiegel" sieht es so: "Wenn man gar nicht weiß, was ist denn das Bedürfnis von Kindern, die von Hartz IV leben, oder alleinerziehenden Müttern, wie kann man dann die Positionen des Koalitionsvertrags bewerten? Das kann man nur, wenn man jedenfalls eine Ahnung davon hat, wie diese Menschen in unserem Land leben." Ahnung haben. Haltung haben. Und immer wieder mit Fragen nerven. Nur so können sie Politik wirklich erklären. Heribert Prantl meint: "Da gilt der schöne Spruch, dass Qualität von Qual kommt. Ich muss mir selber in den Spiegel schauen können, ich muss das Gefühl haben, ich bin dem Gesprächspartner mindestens gewachsen, ich muss das Gefühl haben, ich bin eingearbeitet, ich steh im Stoff, ich mach mir Arbeit mit meiner Arbeit."

Autorin/Autor: Nils Casjens, Maik Gizinski
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08.11.2009 23:35

Wenig Aufklärung - Journalisten ohne Haltung und Ahnung.

Internet-Links

Bundespräsident Köhler mahnte die Journalisten zu Sorgfalt (Tagesschau vom 8.10.2009).

Ansprache von Bundespräsident Köhler bei der Veranstaltung "60 Jahre Bundespressekonferenz" (8.10.2009).