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Internet | 31.01.2007 23:00 Uhr

Virtuelle Storys - Wie Medien die Internetwelt "Second Life" erobern

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Seit Dezember gibt es eine neue Boulevardzeitung. "The AvaStar" erscheint immer freitags, kostet nur 42 Cent und richtet sich an knapp drei Millionen Leser. Diese Leser sind nicht wie andere; einige sehen wie Fabelwesen aus, andere wie Fantasyfiguren. Alle leben sie in der Welt des Internetspiels "Second Life". Diese virtuelle Parallelwelt ist der echten in vielem täuschend ähnlich. Die "Menschen" dort, d.h. die Avatare können Grundstücke und Häuser erwerben, sie können fernsehen oder shoppen gehen. "Second Life" boomt in einem Maße, dass jetzt auch Verlage und Sender ein gutes Geschäft wittern. Reuters und Axel-Springer haben dort Redaktionen eingerichtet, die den realen Journalismus bis ins Detail simulieren; für Spiegel Online berichtet ein Reporter von den Erlebnissen seines zweiten Ichs als Avatar. Zapp über virtuelle Storys und reale Medien in einer Parallelwelt.

Das ist Valentino Schnabel. Der Mann ist Kettenraucher, etwas übergewichtig und von Beruf Journalist. Er arbeitet für das Wochenmagazin "The Avastar", ein englischsprachiges Boulevardblatt. Valentino Schnabel hat ein Büro, einen Computer und einen Chef, wie im wirklichen Leben. Fast. Valentino Schnabel ist ferngesteuert. Seine Welt - ein Spiel. Schnabels Alter Ego ist Volker Weinl. Mit Maus und Tastatur bewegt er sich als Reporter durch sein virtuelles Leben. Volker Weinl, Reporter "The Avastar": "Von neun Uhr morgens ab bin ich halt Valentino Schnabel. Dann ist halt mein normaler Name, meine normale Identität weg. Dann bin ich halt der Reporter in Second Life." "Second Life" ist ein Online-Rollenspiel - am Bildschirm schaffen sich die Spieler ihr zweites ich - ihren Avatar. Und erkunden die nahezu grenzenlose Welt. Es gibt Straßen, Geschäfte und Autos.


Millionen User

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Fast drei Millionen Menschen sind bei "Second Life" angemeldet und gestalten es. Hier kann jeder sein, wie er will, tun, was er will und bauen, wovon er sonst nur träumt. Auch Unternehmen. Bei der Nachrichtenagentur "Reuters" laufen echte Filme auf virtuellen Bildschirmen. Den Arbeitsplatz von Valentino Schnabel hat "Bild.T-Online" geschaffen - eine Tochterfirma von Springer. Gregor Stemmle, Vorstandvorsitzender "Bild.T-Online": "Wir haben festgestellt: Alle Parameter für das Verlegen eines Produktes sind gegeben. Es gibt dort eine eigene Welt, es gibt dort bereits ein Währungssystem, es gibt dort potenzielle Anzeigenkunden und es gibt auch potenzielle Vertriebskunden. Und insofern war alles soweit vorgegeben, und wir haben dann gesagt, dann kann man auch mit einem Produkt aufsetzen." Und das ist das Produkt - eine Art "Bild"-Zeitung für die Avatare: Große Überschriften, viele Fotos, kleine Texte mit News, Business und ein bisschen Sex.


Virtuelle Zeitung

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Nur was in "Second Life" stattfindet kommt in die Zeitung. Nach einen Foto-Shooting im Haus macht Reporter Schnabel sich auf die Suche nach interessanten Interviewpartnern. Die aufreizende Marilena hat Chancen, das "Seite 1 Girl" zu werden. Reporter Schnabel nimmt Kontakt auf. Nur über die Computertastatur können alle miteinander reden. Handies gibt es nicht und trotzdem funktioniert der Alltag. Rowan Barnett, Chefredakteur "The Avastar”: "Wir machen alles fast in dieser Welt. Also, per Instant Message oder wir treffen uns in Second Life. Wir haben auch eine Redaktionskonferenz jeden Montag, und da treffen wir uns und sprechen über die Themen für nächste Woche, und für die kommenden Wochen." Fünf feste und zweiundzwanzig freie Journalisten arbeiten bei "The Avastar". Wer hinter einigen Figuren steckt, weiß noch nicht einmal der Chefredakteur. Die Redaktionsmitglieder bleiben virtuell - die Absprachen manchmal ebenfalls. Gregor Stemmle: "Die Anonymität dieser Welt birgt eine gewisse Unzuverlässigkeit, auch auf Seiten der freien Mitarbeiter. Und es ist nicht angesagt nach real life Koordinaten zu fragen, um die Mitarbeiter entsprechend dingfest zu machen. Sondern der freie Redaktions-Avatar möchte als Avatar angesprochen werden, und möchte in Lindendollar bezahlt werden und möchte sonst von sich nicht preis geben."


Avatar "Sponto"

"Spiegel online" macht es sich etwas leichter. Christian Stöcker hat vor einer Woche den Avatar "Sponto" kreiert. Für die Leser außerhalb von "Second Life" schreibt er jetzt von dessen Erlebnissen. Christian Stöcker, "Spiegel online": "Er macht das, was die anderen auch alle machen. Also, er bewegt sich durch diese Welt und versucht, nach und nach herauszufinden, wie sie funktioniert, was man darin machen kann, lässt sich beraten, lernt andere Figuren kennen, lernt, wie die Welt funktioniert." Diese Welt wird für Journalisten immer interessanter. Der amerikanische Kongress überträgt Reden in sein virtuelles Ebenbild. Vor der Parteizentrale des rechtsextremen "Front National" kommt es zu Demonstrationen. Und kürzlich endete die Pressekonferenz einer bekannten Bewohnerin in einem Skandal. Jede Menge guter Stories, aber Journalismus funktioniert hier etwas anders. Gregor Stemmle: "Diese von der Kanzel heruntergesprochene Berichterstattung, dieses von dem Blick des Journalisten aus gesehene Produkt, ist im Prinzip in Second Life nicht wirklich durchsetzbar. Man muss den User deutlich stärker integrieren, der möchte ernster genommen werden, er möchte nicht diktiert bekommen, welche Informationen er verarbeitet."


Kapitalistischer Abenteuerspielplatz

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Eine anarchische Welt, in der jeder alles sein kann. Vor allem auch Kunde: Virtuelle Schuhe für echte Dollar. "Second Life" ist längst kein Spiel mehr, sondern ein kapitalistischer Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Viele Firmen hoffen auf gute PR. Christian Stöcker: "Reuters profitiert nicht davon, dass es eine Niederlassung in Second Life betreibt, Reuters profitiert davon, dass darüber berichtet wird, dass das so ist. Für Adidas gilt genau das gleiche." Gregor Stemmle: "Wenn im Fernsehen, in den Medien über Second Life berichtet wird, dann wird es irgendwann mal auch so weit kommen, dass ein Massenmarkt oder ein großer Markt vielleicht ein Produkt, das im Kiosk in der realen Welt zu erwerben ist, haben möchte." Für einige ist "Second life" schon jetzt ein ganz reeller Arbeitsplatz. So reell, dass sich Wirklichkeit und Spiel kaum trennen lassen. Rowan Barnett: "Es gibt manchmal Zeiten, wo man verwechselt die beiden Welten, eben weil ich so viel in Second Life arbeite. Ich suche nach einem T-Shirt zum Beispiel morgens, was ich eigentlich in Second Life gekauft habe. Also, das kommt dann manchmal vor."

Stand: 31.01.2007 23:00
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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - Zapp blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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Sucht nach der virtuellen Welt des Internet

22.11.2006 23:00

Zapp-Beitrag vom 22. November 2006.

Internet-Links

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Die Website der Boulevardzeitung in Second Life (engl.)