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Medien und Politik | 19.04.2009 23:35 Uhr

Merkel der Medienstar

Angela Merkel vor Mikrofonen © dpa - Report Fotograf: Peer Grimm

Anmoderation:

Es ist vorbei. Der Urlaub von Angela Merkel. Heute sind die Bundeskanzlerin und ihr Mann aus Bella Italia zurückgekehrt. Doch die Bilder der beiden beim Strandspaziergang auf Ischia haben wir natürlich längst gesehen. So ziemlich jede Zeitung hat sie in den letzten Tagen gedruckt. Dabei sind sie alles andere als spektakulär. Schlicht eher auffällig unauffällig. Ein bisschen wie die Chefin selbst. Und genau damit hat sie offensichtlich immer mehr Erfolg. Josy Wübben und Maik Gizinski über den stillen Aufstieg von Angela Merkel zur Medienkanzlerin.

Beitragstext:

Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin. (Ausschnitt: Angela Merkel dreht an einem Leierkasten und singt „Marmor, Stein und Eisen bricht“), (Ausschnitt: Merkel empfängt Obama bei Nato-Gipfel) Vom Mädchen ohne Stimme zur Staatsfrau im Konzert der Großen. Souverän ist sie geworden. Medienscheu ist sie geblieben. Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft: „Es sind sicherlich die Regeln der Vorsicht und des sich nicht Einlassens auf die Medienmeute, wenn man so will. Sie weiß, sie begibt sich in Gefahr. Gleichzeitig nutzt sie aber die Medien.“ Sebastian Graf von Bassewitz, stellvertretender Chefredakteur „Bunte“: „Die Grundregel von Frau Merkel, was den Umgang mit Journalisten anbetrifft, würde ich sagen, ist immer eine gewisse Korrektheit, Distanziertheit und Sachlichkeit. Und den Rest müssen die Journalisten draus machen. Und das machen sie dann ja auch.“

Von Kohls Mädchen zur grossen Staatsfrau

Und sie haben eine Menge aus ihr gemacht. Sie lieferte die Bilder, die Journalisten das Etikett: „Kohls Mädchen“. Nicht nur mit Posen tat sie sich schwer. Damals. Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft: „Sie hat sicherlich den Feinschliff verbessert, denn sie hat ja gestartet als Rohdiamant, wenn man ein Bild benutzen mag. Sie war in ihrem Outfit nicht gerade medienkonform.“ Heute weiß sie genau, wie sie sich medienkonform in Szene setzen kann. Und sie weiß, was Fernsehjournalisten wollen – gute Bilder. Merkel, Seite an Seite mit den Mächtigen. Das sind Fototermine nach ihrem Geschmack. Mehr gibt es selten für Journalisten. Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft: „Der dosierte, sich rar machende Umgang mit den Journalisten, der übrigens ja dann, und das ist das Interessante, auch Fragen danach aufwirft, wie rätselhaft sie ist. Das Mysteriöse angeblich, was sich mit ihrer Person verbindet, das hat ja eine strategische Linie. Das heißt, sie lässt die Medien austrocknen und in diesem - dem Hunger, den die Medien haben, essen sie ihr auch aus der Hand.“

Nichts wird dem Zufall überlassen

Und Angela Merkel serviert: Klimakollaps mit rotem Anorak und Eisscholle an blauem Himmel: Ein Leckerbissen für die Medien. Sebastian Graf von Bassewitz, stellvertretender Chefredakteur „Bunte“: „Frau Merkel kann sich doch anschauen, wie die Gletscher schmelzen. Natürlich ist das irgendwo ein schönes Foto, was auch wunderbar abgedruckt wurde. Aber sie hat auch als Politikerin ein reales Interesse daran. Bloß wenn Sie in die Kameras rufen: (Fremdmaterial von Gerhard Schröder im Bierzelt) Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler: ‚Bring mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier!’ Sebastian Graf von Bassewitz, stellvertretender Chefredakteur „Bunte“: „Alle lachen darüber und das ist auch sehr populär, dann ist das sozusagen Medienarbeit, um der Medien willen.“ Bisher galt er als der „Medienkanzler“ schlechthin: Fotogen, mondän, spontan – Gerhard Schröder. Sebastian Graf von Bassewitz, stellvertretender Chefredakteur „Bunte“: „Ja, also sagen wir mal so: Die Schröder- und Joschka Fischer-Jahre mit ihren vielen, vielen Ehefrauen und Klagen über gefärbte Haare und Dickwerden und Dünnwerden – das waren schon auch sehr journalistisch goldene Jahre für den Boulevard.“ Denn Politik und Privates waren für Schröder eins. Er buhlte auch mit solchen Szenen um Wählerstimmen.

Mehr Kohl als Schröder

Das ist Joachim Sauer, der Ehemann von Angela Merkel. Er scheut den medialen Auftritt. Er und seine Frau wahrlich kein Glamour-Paar. Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Da hat Merkel eher von Kohl gelernt, der relativ spärlich über seine Familie, auch über seine Söhne in der Öffentlichkeit etwas kundgetan hat. Und ich halte das auch für klug. Ein Politiker, der zu sehr sein Privatleben der Öffentlichkeit übereignet, ist nicht gut beraten.“ Der ehemalige Medienkanzler und seine Nachfolgerin. Angela Merkel hat nie versucht, sich am Auftreten von Gerhard Schröder zu orientieren. Erst allmählich hat sie ihre eigene Rolle im Medienzirkus gefunden. Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Früher konnte sie ziemlich ungnädig sein mit Journalisten. Gelegentlich haben sie ja sogar manche dann ganz drastisch als zickig bezeichnet, Journalisten, die mit ihr zu tun hatten.“ Angela Merkel: „Ne, ich will einfach, dass Sie mal weggehen. Das ist ja krank!“ Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Seitdem sie Kanzlerin ist, ist sie alles in allem ziemlich souverän und lässt sich eigentlich nicht ertappen, indem sie ihren Unwillen an den Journalisten auslässt.“ Einigen wenigen Hauptstadtjournalisten gewährt Angela Merkel sogar eine besondere Gunst: Exklusive Informationen und Interviews. Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft: „Sie hat schon spezielle Beziehungen etwa zum Springer-Konzern, der im Zweifelsfall ihr über das Flaggschiff „Bildzeitung“ ihr genug Resonanz verschaffen wird. Sie hat Beziehungen, die pflegt sie auch. Aber sie lässt sich nicht auf diese Nähe und auf die Symbiose mit Journalisten ein.“

Aufsehen ja, aber nicht um jeden Preis

Angela Merkel bleibt lieber unberechenbar. Wie vor einem Jahr in Norwegen, als sie mit ungewohnten Einblicken nicht nur Journalisten überraschte. Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Dass Angela Merkel mit diesem tiefen Dekolleté in Oslo aufgetreten ist, war meines Erachtens klares Kalkül. Ich glaube nicht, dass sie einfach mal so in den Kleiderschrank gegriffen hat, sondern sie wusste schon, dass sie damit, auch wenn sie damals dieses Kleid auch schon in Bayreuth getragen hatte, dass sie damit ein Stückweit Aufsehen erregen würde.“ Dabei ist „Aufsehen erregen“ eigentlich nicht ihre Sache. Ihr Vorgänger war da ganz anders. Ausschnitt „Wetten dass…?“ (ZDF 1999): Thomas Gottschalk: „Herzlich willkommen, unser Bundeskanzler Gerhard Schröder.“ Der liebte den Auftritt vor einem Millionenpublikum. Seite an Seite mit Showstars bei „Wetten dass…?“ oder als Laiendarsteller. Der Publicity wegen. Ausschnitt „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL 1998), Ausschnitt „Der Große Bellheim“(ZDF 1993). Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Ich glaube, dass ihm diese Auftritte überhaupt nichts gebracht haben, sondern ihm eher eine gewisse Ernsthaftigkeit weggenommen haben in seiner Politik. Und ich glaube deswegen, Angela Merkel würde nie, etwa beim „Großen Bellheim“ vergleichsweise aufgetreten sein.

Inszenierung durch Nichtinszenierung

Ernsthaftigkeit – das bescheinigen ihr mittlerweile viele Journalisten. Andere vermissen einprägsame Bilder und in Erinnerung bleibende Aussagen. Und dennoch: Angela Merkel ist angekommen in der Welt der Medien. Sebastian Graf von Bassewitz, stellvertretender Chefredakteur „Bunte“: „Ich glaube, dass letztlich Frau Merkel geschickter ist im Umgang mit Journalisten, weil sie sie als Journalisten ernster nimmt. Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft: „Sie will nicht die knallige Medienberichterstattung, sondern sie will Politik als ernsthafte Veranstaltung. Und das entspricht ihrem Naturell. Gerd Langguth, Merkel-Biograf: „Man kann sagen sogar, dass ihre Nichtinszenierung ihre Inszenierung ist. Aber es hat sich ja die Zeit gewandelt. Und jede Zeit hat ihre Kanzler.“ Was Angela Merkel wirklich will, ist dennoch vielen ein Rätsel geblieben. Die Journalisten wollen deshalb vor allem eins: Näher an Sie ran!

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