Seitentitel

Medien und Wirtschaft | 08.07.2009 23:00 Uhr

Krümmel: Informieren, bagatellisieren?

Der Atommeiler Krümmel bei Hamburg © dpa/Picture-Alliance
große Bildversion anzeigen

Es gibt ein paar Bereiche, da sollte man einfach ehrlich und offen sprechen. Ob nun das Beichten eines Seitensprungs dazu gehört, sei jedem selbst überlassen - unzweifelhaft aber fällt das Thema Reaktorsicherheit in diesen Bereich. Spätestens seit Tschernobyl weiß man, Ungereimtheiten in Atomkraftwerken - und da gehört im Prinzip schon jede verdrehte Schraube dazu - gehören sofort kommuniziert. Jetzt hatten die Betreiber des Kraftwerks Krümmel wahrhaft genug Gelegenheit das Vermelden eines Pannenfalls zu üben, schließlich gab es seit Inbetriebnahme über 300 Vorfälle. Und trotzdem ist es ihnen gelungen, auch dieses mal wieder ein Kommunikationsdesaster anzurichten. Zapp zeigt, wie das passieren konnte.

Vattenfall in diesen Tagen auf allen Kanälen. Der Energieriese ganz klein. Michael Züfle, Geschäftsführer Vattenfall: „Wir bedauern es außerordentlich, dass es durch den Vorfall erneut zu einer Verunsicherung der Öffentlichkeit gekommen ist.“ (Ausschnitt aus Hamburg Journal Nachrichten: „Vattenfall zu Krümmel“ vom 05.07.09). Bildausschnitt: Michael Züfle, Geschäftsführer Vattenfall: „Ich möchte mich dafür ausdrücklich entschuldigen, für diese verzögerte Erstinformation.“ Bildausschnitt: Michael Züfle, Geschäftsführer Vattenfall: „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um einen solchen Fehler künftig auszuschließen.“ (Bildausschnitt: ZDF heute Journal vom 5.7.09). Entschuldigungen für viele Fehler. Es begann mit einer Panne im Kernkraftwerk Krümmel am vergangenen Samstag. Dort fällt ein Trafo aus. Der Reaktor schaltet sich automatisch ab. Als Folge platzen im nahen Hamburg Wasserrohre, Straßen brechen auf, werden überschwemmt. Starke Spannungsschwankungen machen Betrieben und Krankenhäusern zu schaffen, 1.500 Ampeln fallen aus.

Über drei Ecken

Doch die zuständige Kontrollbehörde in Kiel erfährt nicht von Vattenfall selbst von dem Zwischenfall in Krümmel. Sondern über drei Ecken durch die Polizei. Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Am Samstag ist uns ein anderer Informationskanal zuvorgekommen. Wir haben die Polizei informiert, das gehört auch zum normalen Prozedere. Und über die Polizei ist die Information schneller zur Aufsichtsbehörde gekommen, als dann durch einen neuen Anruf von uns. Das ist sehr ärgerlich, weil unser eigener Anspruch damit nicht erfüllt worden ist.“ Peinlich für den internationalen Energiekonzern. Solche Versäumnisse darf Vattenfall sich eigentlich nicht leisten. Frank Roselieb, Institut für Krisenforschung: „In der Außenwirkung gelten sie als der kleine Junge, der versucht, der großen Mutter irgendetwas vorzuenthalten, was sie vielleicht im Hintergrund dann doch wieder rauskriegen könnte. Sie werden dadurch alles andere als glaubwürdig.“

Jedes Wort seziert

Und nicht zuletzt deshalb fällt das Urteil der Medien hart aus. Bildausschnitt:  „Der „Pannenreaktor bringt Vattenfall in Bedrängnis“ (Die Welt, 06.07.09). Der Vorwurf: Bei „Vattenfall ist der Störfall, Normalfall.“ Für die Medien ganz klar ein Image-Gau. Bildausschnitt: „Image-Gau“ (Die Welt, 06.07.2009). Frank Roselieb, Institut für Krisenforschung Kiel: „In dem Augenblick, in dem sie eine in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit Hochrisiko-Technologie, wie ein Kernkraftwerk betreiben, geht man mit besonders guten Argusaugen an die Art ran, wie sie kommunizieren. Da wird jedes Wort seziert.“ Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Wenn wir schlecht kommunizieren, dann gehen wir wahrscheinlich auch schlecht mit der Sicherheit im Kernkraftwerk um. Also unprofessionelles Auftreten, Informationspolitik die nicht vollständig ist, lässt darauf schließen, dass man uns auch ansonsten nicht viel zutrauen kann. Das ist der Schluss, der aus der Öffentlichkeit gezogen wird.“

Macht der Bilder

Das hat das Unternehmen schon einmal schmerzvoll erfahren müssen. Im Jahr 2007, ein Feuer in Krümmel. Die dramatischen Bilder vom brennenden Trafo alarmieren die Öffentlichkeit. Der Konzern versucht zu reagieren, mit Fakten zu beschwichtigen, informiert vor Ort. Doch die Botschaft kommt nicht an. Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Ich habe mich persönlich auch vor dem noch rauchenden Transformator filmen lassen und habe dort erklärt: Sehen Sie selbst, die Sache ist im Griff. Die Bilder haben das genaue Gegenteil davon transportiert. Es hat dort gequalmt, das Kraftwerk hat offensichtlich Feuer, einen Schaden gehabt. Und diese Botschaft war viel stärker, als alles was ich davor sagen konnte. Da haben wir die Macht der Bilder unterschätzt.“ Bildausschnitt: „Schweigen, blockieren und vertuschen“ (Welt am Sonntag vom 15.07.07). „Die Verharmloser“ (Süddeutsche Zeitung vom 10.07.07).  „Vertuschungstaktik bei Vattenfall“ (Taz Nord vom 05.07.07). „Der Absturz eines Energiekonzerns“ (Taz, 14.07.07). Außerdem geht Vattenfall damals nicht offensiv mit Informationen an die Öffentlichkeit. Die Presse wittert prompt eine Vertuschungstaktik. Vattenfall steht als Verharmloser da, der mediale Absturz eines Energiekonzerns. Bildausschnitt: Internetseite Vattenfall.

Dilemma

Über den aktuellen Zwischenfall will Vattenfall diesmal besser informieren. Veröffentlicht auf der Internetseite Presseerklärungen und Hintergrund-Dokumente zur Trafo-Panne. Einen Tag nach dem Zwischenfall gibt es die erste Pressekonferenz. Vattenfall will sich jetzt an die Grundsätze der Krisenkommunikation halten. Und offen, ehrlich und vor allem zeitnah informieren. Frank Roselieb, Institut für Krisenforschung, Kiel: „Das Problem bei diesen Grundsätzen ist, dass sie in der Praxis kaum durchsetzbar sind. Sie haben eine Art lose-lose-Situation, das heißt, wenn sie zügig informieren wollen, haben sie am Anfang wenig Information, die sie rausgeben können, müssen also zwangsweise nachliefern. Wenn sie auf der anderen Seite zwei Wochen warten bis sie einen Abschlussbericht von 30 Seiten vorlegen, wird das die Öffentlichkeit auch nicht glauben wollen.“ Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Aus diesem Dilemma, ganz schnell zu informieren, aber trotzdem richtig, muss man eine Lösung finden, die vertretbar ist. Die heißt dann möglicherweise, wir rufen erst mal an und sagen: Wir haben da was, wir wissen noch gar nicht ganz genau was und wir informieren Sie, sobald wir mehr wissen. Das müssen wir jetzt neu etablieren und einrichten und eben sicherstellen, dass das auch passiert.“

Mehr Glaubwürdigkeit

Schnell und richtig informieren. Alles transparent machen und trotzdem wird die Kritik nicht aufhören. Denn nicht alle lassen sich so überzeugen.   Frank Roselieb, Institut für Krisenforschung, Kiel: „Weil sie ein klassisches Dissenz-Thema haben. Das heißt, durch mehr Information können sie nicht mehr Transparenz, mehr Glaubwürdigkeit erzeugen. Sie haben eine Meinung, ich habe eine Meinung, durch mehr Informationen kommen wir beide irgendwie nicht zusammen.“ Bildausschnitt: Internetseite Vattenfall. Aber sogar in dieser Situation, die eigentlich verloren ist, versucht Vattenfall die Flucht nach vorn. In einem Video auf ihrer eigenen Internet-Seite dürfen Atomkraftgegner die Panne in Krümmel kommentieren. Greenpeace: „Ein Betreiber, der nachweislich so oft sein Atomkraftwerk falsch einschätzt, der darf Atomkraftwerke nicht weiter betreiben und dieses Atomkraftwerk darf nicht mehr ans Netz gehen.“ (Ausschnitt Video von vattenfall.de). Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Wir müssen uns der Tatsache, dass Atomkraft in Deutschland unterschiedlich bewertet wird, stellen und auch dass Greenpeace dazu eine solche Position vertritt. Das gehört dazu, damit wollen wir uns auseinandersetzen. Und wir haben das für diesen Film mit aufgenommen, weil wir damit dokumentieren wollen, dass wir diese Stimme ernst nehmen und dass wir uns mit denen beschäftigen.“

Aus der Delle kommen

Mit Vattenfall beschäftigen sich inzwischen nicht nur die Medien, auch die Politik hat das Thema wieder mal für sich entdeckt.  Die Reaktorpanne lässt Umweltminister Gabriel strahlen, Bildausschnitt: „Reaktorpanne lässt Gabriel strahlen“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.07.09), Die SPD macht nun Wahlkampf mit Krümmel, Bildausschnitt: „Wahlkampf mit Krümmel“ (Hamburger Abendblatt vom 07.07.09). Eins ist klar, Kernkraft wird wohl ein großes Thema im kommenden Wahlkampf, Bildausschnitt: , „Kernkraft wird großes Thema im Wahlkampf“ (Financial Times Deutschland vom  06.07.09). Für Vattenfall aber ist die Diskussion mit der Wahl im September nicht vorbei. Ein solcher Image-Schaden lässt sich nicht so schnell reparieren. Ivo Banek, Leiter Kommunikation Vattenfall: „Beim Vertrauen ist es so, dass Sie es sehr schnell verlieren, aber sehr lange brauchen um es wieder aufzubauen. Diese Erfahrung machen wir seit zwei Jahren, das ist ein mühsamer Weg, der einen langen Atem braucht. Es hat eine Delle gegeben, auf jeden Fall, in der wir gerade sind und insofern müssen wir uns weiter auf diesem Weg anstrengen, um dann wieder rauszukommen.“

Autorin/Autor: Anne Ruprecht, Tina Schober
Zapp

Diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie über das Thema "Krümmel - Informieren, bagatellisieren?".

mehr
Logo der Sendung Zapp © NDR
Nächste Sendung
10.02.2010 23:05 Uhr

ZAPP

Joachim Löw und Oliver Bierhoff müssen büßen - für ihre unpopulären Forderungen. Gegen diese hatten die Medien tagelang Stimmung gemacht – nach einer offensichtlich gezielten Indiskretion.

Zur Vorschau Zur Vorschau

Wiederholung der Sendung

12.02.2010 02:00 Uhr

Videos
Der Atommeiler Krümmel bei Hamburg © dpa/Picture-Alliance

Video in Zapp plus

08.07.2009 23:00

Krümmel: Informieren, bagatellisieren? (Der Beitrag im Flash-Player mit vielen Zusatzinformationen).

Video

08.07.2009 23:00

Krümmel: Informieren, bagatellisieren?

Internet-Links

Vattenfall-Pressemitteilung vom 05.07.09 mit Zusatzmaterial zur Krümmel-Schnellabschaltung.

Video der Vattenfall-Pressekonferenz vom 05.07.09.